Tiroler Schnaps: Altes Handwerk, altes Wissen, Top Qualiltät! (Bild: www.tirolwest.at)

Liebe Mitläufer und Spirituosen-Hipster: Hörts mir auf mit euren Trends!

Liebe Mitläufer und Spirituosen-Hipster: Hörts mir auf mit euren Trends!
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Lieber Schreiber-Kollege: Kürzlich hast du dich ja ganz schön verstiegen. Ganz schön in die Nesseln gesetzt. Du wolltest vermutlich provozieren. Du hast aber letzten Endes nur deine Ahnungslosigkeit zur Schau gestellt als du den Tiroler Schnaps als „verstaubt“ und als ein Getränk für alte Männer, Schützen und Alkoholiker dargestellt hast. Du irrst dich nämlich ganz gewaltig!

Kommen wir zuerst einmal zur Sache an sich, die du ja bei deinem Text geflissentlich völlig ausblendest: Zum Schnapsbrennen als jahrhundertelange Kulturtechnik. Vor allem bei den Bauernhöfen in Tirol wird das Schnapsbrennen seit Jahrhunderten gepflegt. Die „Geheimnisse“ und die Tricks und Kniffe werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Was früher eher Obstverwertung war ist heute Obstverfeinerung. Über die Jahrhunderte ist ein enorm wertvolles Wissen angewachsen. Die aktuelle Generation hat sich dabei stets darum bemüht, noch feiner, besser und differenzierter zu brennen. Die Technik hat sich entwickelt. Das Sortiment wurde stets erweitert. Die Aufmachung ist mittlerweile professionell, die Vermarktung braucht sich nicht hinter deinem so heiß geliebten Whisky oder Gin zu verstecken. Die Qualität ist meist sogar höher.

Tiroler Schnaps: Da steckt das Wissen der Jahrhunderte drin! (Bild: Stiegenhaushof)

Tiroler Schnaps: Da steckt das Wissen der Jahrhunderte drin! (Bild: Stiegenhaushof)

Damit kommen wir zu des Pudels Kern. Du schreibst viel darüber, dass Schnaps in deinem Freundeskreis stets verpönt war. Dass man, wennschondennschon, zu Tequila oder Ramazotti griff. Das zeigt vor allem, dass du das Image über die Sache an sich stellst.

Ausgang sollte die Qualität eines Produktes sein. Der Rest ist Marketing, Überredungskunst und Werbung. Du machst den Fehler, den viele junge Menschen machen: Sie lassen sich blenden. Von guten Erzählungen, von Mythen, von Halbwahrheiten und Marketingstricks. Solche Leute nennt man am besten Spirituosen-Hipster. Es geht ihnen primär darum, dass das jeweilige Getränk schwer angesagt ist, der richtige Markenname draufsteht und erst kürzlich diese super-coole Werbung im Fernsehen gelaufen ist.

Tiroler Schnaps: Hier hat überhaupt niemand geschlafen!

Es geht somit gar nicht darum, was cooler und lässiger ist. Es geht darum endlich zu bemerken, dass wir hier in Tirol eine uralte und bestens ausdifferenzierte Kulturtechnik haben, die wir leichtfertig aufgeben und bereitwilligen den Bach hinuntergehen lassen. Wegen den trendaffinen und völlig unreflektierten Spirituosen-Hipstern, die jedem Trend hinterherhecheln anstatt einen Blick auf das Eigene, auf die Heimat, auf die eigenen Wurzeln zu werfen.

Beim Tiroler Schnaps weiß man noch, woher das Obst ist! (Bild: Kuenz-Naturbrennerei)

Beim Tiroler Schnaps weiß man noch, woher das Obst ist! (Bild: Kuenz-Naturbrennerei)

Die Folgen sind fatal: Regionale Besonderheiten gehen verloren, wir wissen nicht mehr welche Früchte und/oder welche Zutaten in unseren Spirituosen landen. Denn statt danach zu fragen reden wir am liebsten darüber, wer den cooleren Werbespot hat und wer das bessere Logo auf die Flasche gepappt hat.

Natürlich darf man die von dir angedeuteten Fragen stellen. Man sollte sie aber ins Positive kehren. Wie kann man dazu beitragen, dass der Tiroler Schnaps verstärkt auch von jungen Menschen wahrgenommen wird? Wie kann es endlich dazu kommen, dass auch die eigene Tradition und die heimische, unendlich wertvolle Kulturtechnik des Schnapsbrennens als ähnlich „cool“ und mythenumrankt wahrgenommen wird wie die von Gin oder Whiksy?

Eine mögliche Antwort ist dabei leicht formuliert: Wir müssen uns erst einmal überhaupt neutral und vorurteilsfrei mit dem Tiroler Schnaps beschäftigen. Wir müssen endlich aufhören wie Lemmingen dem neusten Trend hinterher zu laufen und Schein über Sein und Stil über Substanz zu stellen.

Es ist gut möglich, dass wir einen Tiroler Schnaps entdecken, der uns ernsthaft begeistert.

Es ist gut möglich, dass wir einen Tiroler Schnaps entdecken, der uns ernsthaft begeistert.

Unser Blick auf das Eigene, auf unsre Heimat darf und soll kritisch sein. Er sollte sich aber nicht mit A-Priori-Urteilen begnügen. Nicht alles, was aus unserer Heimat kommt und mit Tradition und Kontinuität zu tun hat ist automatisch schlecht und abzulehnen. Im Gegenteil: Es ist gut möglich, dass wir einen Tiroler Schnaps entdecken, der uns ernsthaft begeistert. Bei dem wir wissen, dass die Früchte vor dem Hof direkt wachsen und wir mit dem Produzenten auf Du und Du sind. Das mag „uncool“ sein. Das ist aber ein Zukunftsprojekt.

Dank unserer Coolness basteln wir fleißig an einer nivellierenden Globalisierung. Wir helfen fleißig dabei mit, dass kleine Produzenten von großen Konzernen ausgebootet werden. Es geht also nicht darum, das coolste und trendigste Getränk zu saufen. Es geht um unsere Zukunft. Wie soll diese aussehen? Gleich wie überall sonst auch? Wollen wir bald nicht mehr wissen, ob wir in den Bars in Tirol oder in London sind? Ich denke nicht.

Mein Appell ist deutlich: Liebe Mitläufer und Spirituosen-Hipster: Trinkt mehr Tiroler Schnaps! Begebt euch zum Beispiel auf die Tiroler Schnapsroute, einem wunderbaren Projekt der Agrarmarketing Tirol. Er wird euch, wenn ihr erst einmal ehre Coolness ablegt, ganz famos schmecken. Und Schluck für Schluck tragt ihr dazu bei, dass es auch in Zukunft Tiroler Schnaps geben wird und die Besonderheiten im heiligen Land Tirol erhalten bleiben. Prost!

Titelbild: (c) tirolwest.at