Ein Urlaub am Bauernhof bringt das Immunsystem in Schwung

Setzt doch einfach auf den Bauernhof-Effekt!

Setzt doch einfach auf den Bauernhof-Effekt!
4.51 (90.2%) 51 votes

Haben Sie schon mal von einer Allergie gegen Kuhmist gehört? Ich auch nicht. Dass Ihnen Begriffe wie Asthma, Neurodermitis oder Heuschnupfen etwas sagen, davon gehe ich hingegen aus. Selbst wenn Sie niemanden kennen, der unmittelbar davon betroffen ist: Ich bin mir sicher, dass auch Sie schon einmal über einen Beitrag im Fernsehen übers Immunsystem gestolpert sind, in der das Landleben als Wundermittel gegen die modernen Zivilisationskrankheiten angepriesen wurde.

Ein bisschen Dreck ist gesund

Schon oft wurde in den Medien groß darüber berichtet, dass Kinder vom Land weniger anfällig für Allergien seien. Dass ein bisschen Dreck gut fürs Immunsystem sei und ein Aufwachsen mit Tieren Krankheiten vorbeugen könne. Es gibt zu dem Thema sogar eine umfangreiche Studie, an der die Uni Innsbruck für Österreich teilnimmt. Auch darüber wurde berichtet.

Aber hat eigentlich jemals jemand die betroffenen Kinder gefragt, ob das Landleben wirklich etwas bringt? Mich hat jedenfalls niemand gefragt. Und ich bin eines dieser Kinder. Heute bin ich 28 Jahre alt und stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Das ist nicht so selbstverständlich wie es klingt.

Oh, du mein Inhalator

Angefangen hat alles als ich fünf Jahre alt war. Ich kann mich dunkel an jenen Herbsttag am Spielplatz erinnern, an dem mir wieder mal die Luft wegblieb. Meine Mutter brachte mir den blauen Inhalator, den ich ein paar Wochen vorher vom Kinderarzt bekommen hatte. Die Diagnose lautete damals “Chronische Bronchitis”. Als kleines Mädchen, das erst kürzlich vom Tiroler Unterland in die Berliner Großstadt gezogen war, konnte ich damit logischerweise nichts anfangen.

Ist ein bisschen Dreck wirklich gesund?

Ist ein bisschen Dreck wirklich gesund?

Toll fand ich das ständige Gehuste zwar nicht, aber es war nunmal da. Der Inhalator wurde Teil meiner Grundausstattung und ich nahm irgendwann einfach hin, dass ich im Sportunterricht nicht rennen durfte.

Ich mochte das Stadtleben, freute mich aber trotzdem jedesmal, wenn meine Oma aus Österreich mich in Berlin abholen kam und mit mir in meine geliebte Heimat Tirol fuhr. Mehrere Wochen im Jahr verbrachte ich dort – meist die gesamten Sommer- und Weihnachtsferien. Ich wurde zur Gartenforscherin, Schneckenantreiberin, Baumexpertin, Blumenpflückerin und Schneeballoptimiererin.

Mit Heidi durch Wald und Wiesen

Ob alle Stadtkinder überhaupt noch wissen, wie eine Kuh aussieht?

Ob alle Stadtkinder überhaupt noch wissen, wie eine Kuh aussieht?

Am meisten Spaß hatte ich auf dem Bauernhof meiner Großeltern zwischen Hunden, Katzen, Ziegen, Gänsen und Hühnern. Mit meiner Lieblingshenne Heidi und meinen Cousinen und Cousins erkundete ich Wald und Wiesen, um anschließend in der Bauernküche mit Holzofen die kulinarischen Köstlichkeiten meiner Großmutter mit der ganzen Familie zu genießen. Unser Großvater nahm uns nach dem Essen mit in den Stall, wo wir Kinder die Ziegen und Hühner füttern durften. An kalten Winterabenden machten wir es uns vorm Kachelofen in der Stube gemütlich und spielten Playmobil.

Es ist die Unbeschwertheit dieser Zeit, an die ich mich auch heute noch gerne erinnere. Der Inhalator, den ich im Berliner Stadtleben immerzu dabei haben musste, kommt in meinen Erinnerungen an die Sommer und Winter in Tirol nie vor.

Regionale Köstlichkeiten gab's schon zum Frühstück

Regionale Köstlichkeiten gab’s schon zum Frühstück

Neustart für die Bronchien

Erst etwa 20 Jahre später fand heraus, warum ich mich nicht daran erinnern kann: Ich brauchte ihn schlichtweg nicht! Die Tiroler Bergluft tat meinen Lungen so gut, dass ich ganz ohne zu husten durch die Ferien kam. Danach konnte ich auch immer monatelang problemlos am Sportunterricht teilnehmen. Es war, als hätten meine Bronchien einen Neustart verpasst bekommen.

Lange habe ich gebraucht, um zu verstehen, dass meine häufigen Tirol-Besuche nicht bloß eine Laune meiner Mutter waren. Sie waren Teil meiner Therapie. Ärzte hatten ihr empfohlen, mich so oft wie möglich aufs Land zu schicken, um meiner chronischen Bronchitis den Gar auszumachen. “Urlaub am Bauernhof bringt das Immunsystem in Schwung” sagten sie damals. Meine Mutter folgte dem Rat – zum Glück, denn meine Bronchitis verschwand vollständig.

Der Kampf gegen das Immunsystem

Ob Sommer oder Winter: Ich durfte meine Ferien am Bauernhof verbringen

Ob Sommer oder Winter: Ich durfte meine Ferien am Bauernhof verbringen

Das änderte nichts daran, dass ich auch weiterhin die Sommer- und Winterferien bei meinen Großeltern am Hof verbringen durfte. Heute bin ich sehr froh darüber, denn ich erfreue mich bester Gesundheit. Die Landluft ist nach wie vor mein Geheimrezept.

Meinen Berliner Freunden geht es da ganz anders. Sie kamen nicht in den Genuss von Landaufenthalten und Bauernhofleben. Fast alle kämpfen heute gegen ihr eigenes Immunsystem. Ich kenne kaum jemanden, der weder von Neurodermitis noch von Heuschnupfen geplagt ist. Ich bin mir sicher: Sie sind einfach nichts gewohnt! Wie denn auch? Viele von ihnen sitzen Tag für Tag in einem von der Außenwelt abgeschotteten Glashaus, sind Manager, leitende Angestellte, Architekten und Bürohengste.

Das geht an die Substanz!

Wenn Sie es durch den abgasverseuchten Großstadtdschungel heim geschafft haben, erwarten Sie neben ihrer Familie immer auch der Lärm, das Gehämmere, Getose und Rumoren der Metropole – das lässt sich nicht aussperren. Sie bemerken die Geräusche von Presslufthammern, Hupen und Flugzeugstarts vielleicht gar nicht mehr – aber sie sind trotzdem da. Und sie gehen irgendwann an die Substanz. Zur Erholung verschanzen sich dann viele in einem teuren Luxushotel, um es sich in einem ebenfalls abgeschotteten und sterilen Wellnessbereich “gutgehen” zu lassen. Ohne Kinder versteht sich – denn die nerven, weil sie nichts zu tun haben.

Ich verbrachte die Winterferien weiterhin bei meinen Großeltern am Hof

Ich verbrachte die Winterferien weiterhin bei meinen Großeltern am Hof

Hätten meine Freunde doch bloß die Gelegenheit bekommen, in ihrer Kindheit mehr in der Natur zu sein – so wie ich. Dann wüssten sie heute, wie flauschig das Fell einer jungen Ziege ist, wie frisch gemähtes Gras an den nackten Füßen stupft, wie Heu riecht, wie selbstgebackenes Brot schmeckt, wie wohltuend es ist, nach einem heißen Sommertag das Wasser aus einer eiskalten Quelle über seine Handgelenke rinnen zu lassen. Dann wüssten sie, wie gut der Besuch auf dem Land der Seele, dem Familienleben und vor allem dem Immunsystem tut.

Es kann nur besser werden!

Etwas Positives hat das alles: Einige meiner Freunde haben sich von meinen Erzählungen inspirieren lassen und wissen mittlerweile, wie gut ihnen Urlaub am Bauernhof in ihrer Kindheit getan hätte. Um wenigstens ihren eigenen Kindern eine allergiefreie Zukunft zu ermöglichen, machen sie mit ihren Sprösslingen mindestens einmal im Jahr auf einem der 350 Tiroler Betriebe Urlaub, die einen Einblick ins Landleben ermöglichen. Ich habe mir sagen lassen, dass weder die kleinen, noch die großen Gäste bisher ihr Smartphone oder iPad vermisst haben.

Ich finde, dieses Video fasst die Geschichte meiner Kindheit gut zusammen:

Foederleiste_neu