Kulinarik in Innsbruck: Es geht voran!

Kulinarik in Innsbruck: Es geht voran!
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Jetzt ist schon wieder etwas passiert. Mitten in Innsbruck. Und es passiert in letzter Zeit regelmäßig. Keine Ahnung woher das kommt und wer das ausgelöst hat. Aber es ist deutlich: Hippe Bars und lässige Restaurants schießen derzeit nur so aus dem Boden. In einem Tempo, mit dem ich kaum mehr mitkomme. Die kulinarische Landkarte in Innsbruck ist jedenfalls in den letzten Jahren und Monaten sehr viel bunter geworden. Höchste Zeit darüber ein paar Worte zu verlieren.

Wie war das noch einmal mit der selektiven Wahrnehmung? Im Grunde nimmt man doch immer nur das wahr, was gerade in den eigenen Horizont und die eigene Erwartungshaltung passt. Was ich nicht kenne, nehme ich auch nicht wirklich wahr. Ich erinnere mich jedenfalls noch daran, dass Innsbruck bis vor einigen Jahren primär nach Pizzaschnitten und Kebab roch.

An jeder Ecke schien ein Döner-Laden zu sein und die Pizza-Schnitte, die man sich noch schnell nach ein paar Bier in der Stadt mit auf den Weg nach Hause mitnahm, war ohnehin omnipräsent. Mit dem Erfolg dieser Läden kamen auch Nachahmer, die das „Konzept“ übernahmen oder besser gesagt das Nicht-Konzept zum Konzept machten.

Alles was funktionierte war per se ein Konzept, das nachahmungswürdig war. Der Erfolg gibt einer Idee Recht ja schließlich Recht. Innsbruck schien eine Stadt der notorischen Nicht-Ideen zu sein. Eine Stadt darüber hinaus, die trotz ihrer überschaubaren Größe glaubte, dass Platz genug für das Immergleiche war. Originalität: Fehlanzeige.

Wie gesagt: Ich misstraue meiner Wahrnehmung und entschuldige mich damit auch schon bei innovativen Gastronomen, die ich damals kurzerhand übersehen habe. Mir kommt es aber so vor, als sei in den letzten Jahren etwas losgetreten worden, das mittlerweile eine enorme Eigendynamik entwickelt hat.

Ein Gespräch mit einem Freund bestärkte mich in dieser Wahrnehmung. Er meinte, dass eigentlich alles mit der „Pizzerei“ begonnen habe. Das klang für mich plausibel. Dort wurde Pizza verkauft, die von sich behauptete, ein wenig besser als der Rest der Pizzen in Innsbruck zu sein. Das schlug sich auf den ersten Blick vor allem im Preis und in der Inszenierung nieder.

Die Pizzerei. Gute Pizzen, tolles Ambiente. Wurde da ein Trend los getreten?

Die Pizzerei. Gute Pizzen, tolles Ambiente. Wurde da ein Trend los getreten?

Mit einer Bude, in der in pseudo-italienischem Stil mittelmäßige und nicht sonderlich authentische Pizzen serviert wurden hatten das alles ganz und gar nichts zu tun. Vielmehr war es ein Ort, der wahnsinnig angesagt war. Jeder der etwas auf sich hielt musste plötzlich in der „Pizzerei“ sein. Ohne Reservierung ging ohnehin fortan nichts mehr. Auch lokale Medien heizten diesen Trend an.

Alles in allem: Dort gibt es zwar wirklich gute Pizzen, guten Wein und noch einiges mehr. Aber das Rad wurde dort in kulinarischer Hinsicht definitiv nicht neu erfunden. Muss es auch nicht, denn die Inszenierung zählt. Das „Ding an sich“ kann ja ohnehin nicht beschrieben werden. Das Drumherum zählt. Eine Pizza ist nur dann eine hundsgewöhnliche Pizza, wenn das Lokal selbst nicht urban, trendy und irgendwie total angesagt rüberkommt. Sehen und gesehen werden. Dabei sein. Vereinfacht gesagt jedenfalls: Das Konzept ging auf. Trotz anfänglicher Skepsis.

Das "Ludwig" von innen. Schon schick.

Das „Ludwig“ von innen. Schon schick.

Und wieder kommen wir zur selektiven Wahrnehmung, denn ich würde „Ludwig – Das Burger-Restaurant“ als den nächsten Schritt ansehen. Auch dort wurde etwas sehr ähnliches mit Erfolg versucht. Der Burger durfte plötzlich nicht nur mehr Burger, also Fastfood, sein, sondern er verlangte nach einer Inszenierung. Danach, ein wenig anders zu sein. Regionaler, biologischer, stilvoller in Szene gesetzt. Das Fleisch vom Biometzger, das Brot vom Bäcker um die Ecke, Pommes selbst gemacht und auch die Limonade irgendwie Bio. Das Publikum, das sich gerne als urban und fast schon großstädtisch in Szene setzt, mag das schließlich.

Das „Ludwig“ hat den Trend in Innsbruck gut erkannt: Es braucht das Mehr. Das Anders. Das Publikum hat genug von einfallslosen Pizzaschnitten-Läden und Döner-Buden und möchte das Alltägliche interessant inszeniert und präsentiert bekommen. Der Durchschnitts-Innsbrucker möchte nach wie vor nicht Unmengen an Geld ausgeben für sein Essen ausgeben. Er möchte das Einfache und eigentlich Bekannte nur anders in Szene gesetzt haben. Dass die Burger im „Ludwig“ tatsächlich gut schmecken ist dabei fast schon sekundär. Der Stil zählt, das Ambiente. Und diese Klaviatur bedient das „Ludwig“ nun wirklich äußerst virtuos.

Das "Pangea". Auch schick. Aber irgendwie auch schon gesehen, oder?

Das „Pangea“. Auch schick. Aber irgendwie auch schon gesehen, oder?

Die neuste Entwicklung ist für mich dann das „Pangea“. Dass es dort am Abend und generell kleine Häppchen zu Essen gibt ist fast schon Ehrensache. Passt auch gut zum Konzept. Dass sich dort auch Craft-Bier ordern lässt ist fast schon notwendigerweise so. Ein guter und durchaus empfehlenswerter Laden. Dennoch kommt es mir so vor, als sei das „Pangea“ eine leere Hülle. Als haben sich das Zeichensystem geleert und verweise nicht mehr wirklich auf eine Substanz. Soll heißen: Schon schön, dass es diesen Laden gibt und auch die Craft-Bier Karte dort ist eine feine Sache. Aber die musikalische Beschallung, die ein wenig wie House-Music von der Stange klingt, zeigt auch schon an, dass hier Stil ein wenig vor Substanz geht.

Die Inszenierung überwiegt und hängt sich gekonnt an andere bereits funktionierende Konzepte in der Gastronomie im heutigen Innsbruck an. Mein Eindruck: Mit jedem ähnlichen Konzept wird alles leerer und irgendwie auch austauschbarer. Das „Anders-Sein“ funktioniert nur dann, wenn das Anders-Sein nicht Mal für Mal nachgeahmt und ähnlich gedacht wird. Anders gesagt: Ob da wirklich Herzblut oder doch eher kühles Kalkül dahinter steckt kann in diesem Fall nur mehr schwer gesagt werden.

Echter geht es da für mich schon bei „Tribaun“ zu. Da steckt Herzblut dahinter und der Laden wird in Sachen Bierkultur, da bin ich mir ganz sicher, Innsbruck ganz schön umkrempeln. Andererseits ist die dezente Kritik an obigen Läden halt auch nur jammern auf hohem Niveau. Denn nach der Pizzaschnitten- und Dönerstadt Innsbruck sehne ich mir nicht wirklich zurück.

Ich fände es aber schade, wenn sich gute Ideen in der gegenseitigen Imitation totlaufen würden. Aber man wird ja sehen. Abwarten. Und vor allem darauf warten, bis die Jungs von „Tribaun“ endlich in der Museumstraße 5 ihre Pforten öffnen. Gestern bekam ich schon mal vorab einen Eindruck und ein paar großartige Craft-Biere zu probieren (danke Jungs!). Aber das wäre wieder eine andere Geschichte.