Craft-Bier in Tirol: Nieder mit der Natürlichkeit!

Craft-Bier in Tirol: Nieder mit der Natürlichkeit!
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Ein Gespräch mit einem Freund hat mich kürzlich schwer irritiert. Er meinte, dass Craft-Bier ja schließlich und endlich nicht für Qualität stünde. Und dass Bier mit Schokoladegeschmack nun wirklich nicht sein muss. Da trinke er doch noch lieber die Industrie-Plörre, die wenigstens noch nach echtem Bier schmeckte. Aber genau das ist doch eigentlich der Punkt. Meine Antwort dazu fiel lange und kompliziert aus. Ich wusste aber: Nach der Revolution würde alles anders sein.

Ich erinnere mich jedenfalls noch gut daran, dass in Tirol alles genau so war wie es eben immer gewesen ist. Veränderung war darin nicht vorgesehen. Ich meine damit nicht die sinnentleerte Politik-Rhetorik, die sich immer wieder an diesem Begriff aufhängt und damit um Wählerstimmen bettelt. Ich meine Veränderung in einem anderen Sinne. Wirkliche Veränderung ist das Aufbrechen von Selbstverständlichkeit und von einem fast schon gottgegebenen Naturzustand. Wenn dieser „Naturzustand“ in Frage gestellt wird, dann kommt etwas in Bewegung.

Es wird plötzlich wieder sichtbar, dass wir einem Mythos aufgesessen sind, der von einer Vielzahl an Diskursen und Dispositiven aufrecht erhalten wurde. Soll heißen: Wir sind auf einen Trugschluss hereingefallen und haben einige andere Aspekte gar nicht denken können. Es war uns schlichtweg unmöglich, weil wir das Wissen dazu ganz einfach nicht haben konnten, es uns quasi verboten wurde und ein bestimmter Diskurs Vorherrschaft erlangt hatte.

Hier wird die Revolution demnächst eingeläutet werden: Im "Tribaun"!

Hier wird die Revolution demnächst eingeläutet werden: Im „Tribaun“!

Das Problem dabei war die Natürlichkeit, die uns eigentlich verblendet hat. Die Selbstverständlichkeit. Das Bier in Tirol und in Österreich war halt immer schon so wie es ist und die Brau-Union hat schon immer Bier gebraut und letztlich bestimmt, wie ein Bier schmeckte und schmecken sollte.

Dadurch wurde unser Geschmack verflacht und der Geschmack von Bier, genauer von noch Lager- und Märzen-Bier, wurde zu einen Geschmack, den wir nicht mehr hinterfragen konnten. Oder hinterfragen wollten. Wenn wir in eine Bar oder in ein Restaurant gingen, dann bekamen wir, wenn wir ein Bier bestellten, immer das gleiche und gleichschmeckende Bier vorgesetzt. Ganz so, als ob das ganz einfach notwendigerweise so sein müsste. An die Möglichkeit, dass auch etwas anderes denkbar sein könnte dachten wir gar nicht. Alles war eben so wie es ist und immer schon war. Und das war auch gut so.

In Zukunft wird im Tribaun auch auf Kulinarik gesetzt werden. Das perfekte Bier zum perfekten Speck. Zum Beispiel.

In Zukunft wird im Tribaun auch auf Kulinarik gesetzt werden. Das perfekte Bier zum perfekten Speck. Zum Beispiel.

Craft-Bier in Tirol: Die Revolution steht bevor!

Dazu kommt natürlich, dass der Biertrinker ein Gewohnheitsmensch ist. Biertrinken ist ein Ritual. Eine Einübung in das Immergleiche, das unter Umständen auch mit dem immergleichen Geschmack begleitet wird. Es ist gar nicht so einfach diese Selbstverständlichkeit aufzubrechen. Genau das versucht jetzt aber das „Tribaun“, das für mich die Manifestation von einer Tendenz ist, welche in Tirol und vor allem in Innsbruck schon lange da ist.

Das „Tribaun“ macht lediglich etwas sichtbar, das in Tirol in den letzten Jahren und Monaten schleichend passiert ist. Die Gewissheiten wurden aufgebrochen, die Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt und wenn wir in einer Bar ein Bier bestellten, dann verstand es sich nicht mehr von selbst welches Bier in welcher Qualität mit welchem Geschmack wir bekamen.

In Zukunft gehen wir ins „Tribaun“ und müssen uns in eine ganz neue Welt einführen lassen. Wir werden viel über Biere, Geschmäcker, Hopfen und Alkoholgehalt sprechen müssen. Alles ist ins Wanken geraten, alles ist bei einem Nullpunkt angekommen. Viele mag das verunsichern, ich nennen es aber pures Leben. Ein denken und trinken ohne Gewissheiten, ohne vorgefertigte Erwartungshaltungen. Wir schmecken plötzlich wieder das, was sich im Moment des Trinkens ereignet. Geschmackssensationen. Überraschungen am laufenden Band.

Eines ist klar: Auch wir werden mit der Craft-Bier-Revolution in Tirol wieder unseren eigenen Geschmack finden. Aber es wird nichts mehr so sein wie früher. Unser Geschmack wird breiter sein, differenzierter, die Frage danach wie ein Bier zu schmecken hat werden wir nicht mehr klar und deutlich beantworten können. Wir werden lediglich über unsere subjektive Meinung und über unsere Vorlieben sprechen können. Wir werden uns Wissen über Brauereien, Brauverfahren und verschiedene Sorten aneignen und begeistert davon weitererzählen.

Ich bin mir sicher: Die Craft-Bier-Revolution wird Tirol erschüttern. Obwohl natürlich nicht jeder Biertrinker bekehrt werden wird. Aber viele, die bisher nichts mit Bier anfangen konnten werden die Seiten wechseln oder Bier zumindest als komplementär zum Weintrinken ansehen. Das „Tribaun“ öffnet am 13.02. seine Pforten. Und die Revolution kommt dann ins Rollen. Da bin ich mir ganz sicher. Es wird ein post-revolutionärer Zustand sein, bei dem kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Es wird ein Post-Natürlicher Zustand, in dem wir wieder über unseren Geschmack und über Bier reden müssen. Ich kann es kaum mehr erwarten.