Wellness und Kulinarik in Ischgl: Warum reden alle nur übers Skifahren?

Wellness und Kulinarik in Ischgl: Warum reden alle nur übers Skifahren?
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Der Winter kommt. Und alle reden nur übers Skifahren. Wenn man Glück hat, dann hört man gerade noch ein wenig von Wellness. Immer aber in einer bestimmten Funktion: Vor oder nach dem Skifahren. Wellness als Alleinstellungsmerkmal scheint nicht mehr zu reichen. Daher schlage ich eine andere Kombination vor, um die aus meiner Sicht unrühmliche Verbindung von Skifahren und Wellness zu beenden: Wellness und Kulinarik. Und Ischgl ist da eigentlich der perfekte Ort, um die Dominanz des Skifahrens zu beenden und das Thema Wellness aus dessen Umklammerung zu befreien.

Eigentlich problematisch, oder? Verbindet man Skifahren und Wellness, wie es sehr üblich ist, dann kommt dem Thema Wellness eine ganz bestimmte Funktion zu. Wellness steht immer in der Funktion der Vorbereitung oder der Nachbereitung. Man stimmt sich aufs Skifahren ein oder kommt nach einem anstrengenden Skitag nach Hause bzw. ins Hotel. Dann ist es klar: Wellness ist zur Regernation da. Ein wenig noch in die Sauna. Eine Massage. Ein bisschen Entspannung. Die „Seele baumeln lassen“, wie es in jedem zweiten Wellness-Prospekt steht.

Das zeigt für mich auch, dass Wellness an sich noch nicht richtig ernst genommen wird. Wellness ist harte Arbeit. Richtig entspannen will gelernt sein. Und am besten genießt man den Wellnessbereich, eine Massage oder was weiß ich völlig ohne Hintergedanken. Ohne Funktion. Ohne dass man da schon wieder daran denkt, dass Entspannung leistungsfähiger und fitter macht.

Wellness und Entspannung ist, so meine These, erst einmal gar nichts. Es hat keine Funktion. Es ist die Funktion schon selbst. Es ist erstmals nutzlos und zwecklos. Es geht darum ganz anzukommen, sich auf die Situation und auf das Jetzt einzulassen. Einfach zu entspannen. Loszulassen wie heute so schön gesagt wird mit einem an den Zen-Buddhismus angelehnten Gestus.

Eine Sauna im "Trofana Royal": Für mich immer noch der Gipfel der Entspannung.

Eine Sauna im „Trofana Royal“: Für mich immer noch der Gipfel der Entspannung.

In Ischgl wird Wellness und Kulinarik zur Kunst

Wellness ist für mich wie Kunst. Und eine Kunst für sich. Kunst ist ja erstmals nutzlos. Hat keinen bestimmten Zweck und hat zugleich auch eine Vielzahl an Funktionen. Sie ist multifunktional. Wer die Kunst auf einen Zweck reduziert, der beschneidet sie. Und Kunst, die sich auf einen konkreten, sagen wir z.B. auf einen politischen, Zweck beschränkt, ist meist schlechte Kunst. Weil eben die Komplexität und die eigentliche Zwecklosigkeit von Kunst ignoriert wird.

Ähnlich verhält es sich beim Thema Wellness, zumindest aus meiner Sicht. Ich brauche keine Sportmassage, weil ich bei einer Massage nicht schon den nächsten sportlichen Tag im Kopf habe. Ich möchte mich nur auf das konzentrieren, was im Moment zählt: Auf das wohlige Gefühl, wenn man eine Massage von jemanden bekommt, der wirklich etwas davon versteht. Ich mag das angenehme Körpergefühl nach einem langen Saunagang. Ich finde man nimmt sich den Augenblick und die Augenblicke des Genießens, wenn klar ist, in welcher Funktion die Massage und das Thema Wellness für einen steht.

Der Kochkünstler, der alles andere als den Augenblick vergessen lässt: Martin Sieberer.

Der Kochkünstler, der alles andere als den Augenblick vergessen lässt: Martin Sieberer.

Eine ähnliche Funktion bzw. eben Nicht-Funktion nimmt für mich die Kulinarik ein. Oder denkt ihr bei gutem Essen daran, dass ihr vielleicht diese eine sehr süße und kalorienreiche Nachspeise nicht hättet essen sollen? Denkt ihr bei gutem Essen daran, wie ihr euch nach dem Essen fühlt? Ja, natürlich, essen muss auch guttun. Aber eben nicht nur.  Gutes Essen hat vor allem einen künstlerischen Charakter, es geht um die Gesamtatmosphäre. Gutes Essen ist Kunst. Allein schon dann wenn man sieht, wie der Teller angerichtet ist und allein schon dann, wenn man die vielen und zum Teil überraschenden Geschmäcker auf seiner Zunge und am Gaumen hat.

Vielleicht täusche ich mich ja. Aber ich glaube, dass das „Trofana Royal“ in Ischgl erkannt hat, dass es Leute wie mich gibt. Die nicht unbedingt nur wegen dem Skifahren nach Ischgl kommen. Der Ausbau des Wellnessbereiches würde diese Sprache sprechen. Und dass Martin Sieberer ein absoluter Spitzenkoch ist, der mehr in die Kategorie Künstler als Koch fällt brauche ich euch auch nicht zu erzählen.

Ich bin natürlich kein Radikaler. Und ich bin auch Realist. Das Skifahren, den Wintersport und die Party wird man nicht aus Ischgl vertreiben können. Soll ja auch nicht sein: Dennoch bin ich froh, dass es das Trofana Royal gibt, das eine Art von Ruhepol ist. Ein Ort, an dem ich meine These der Verknüpfung von Wellness und Kulinarik ausgiebig und auf höchstem Niveau austesten kann…