Die „Stubaier Freitagsmusig“: Ganz schön echt und ganz schön gut!

Die „Stubaier Freitagsmusig“: Ganz schön echt und ganz schön gut!
5 (100%) 30 votes

Mein Schreiber-Kollege Werner hatte mich auf die „Stubaier Freitagsmusig“ aufmerksam gemacht, als er mir von ihr vorschwärmte und sie als „edle Volksmusik“ bezeichnete. An anderer Stelle beschreibt er die Stubaier Freitagsmusig und auch noch andere MusikerInnen aus diesem Umfeld als „echte Volksmusik aus dem Alpenraum. Nicht dümmlich, anzüglich oder blöd.“ Wie recht er doch hat. Wie viel er mit diesen und anderen Anmerkungen dazu beigetragen hat, dass ich mich mit dieser Art von Musik überhaupt beschäftigt habe, weiß er selbst vielleicht gar nicht genau.

Es ist ein Faktum: Früher war mir Volksmusik, Tradition und der ländliche Raum ganz generell irgendwie suspekt. Gute Musik musste aus dem urbanen Raum kommen und in der Tradition des Traditionsbruchs stehen. Diese Tradition lässt sich am besten mit einer avantgardistischen oder zumindest mit einer progressiven Geste und Haltung zur Musikgeschichte auf den Punkt bringen. Nur wer seiner eigenen Heimat und seinen eigenen Wurzeln skeptisch gegenüber steht, hat das Zeug dazu wirklich gute Musik zu produzieren.

Die Heimat und die Herkunft lähmen, engen ein. Wer sich in den Überlieferungsstrang der Tradition einreiht hat eigentlich schon verloren und sitzt für immer fest. Sowohl in tatsächlicher physischer als auch in intellektueller Hinsicht. Gefangen in der Provinz und im provinziellen Denken. Für immer. Da kommt dann halt nur dümmliche, seichte und oberflächliche Volksmusik heraus, die es sich in den hiesigen Gegebenheiten und Verhältnisse schön gemütlich eingerichtet hat. Politisch steht diese Musik meist mit einer eher diffusen, konservativen, vielleicht sogar reaktionären Haltung in Verbindung.

Im Bild: Die Stubaier Freitagsmusig.

Im Bild: Die Stubaier Freitagsmusig.

Werner hat mich in dieser Hinsicht „aufgeklärt“ und zumindest meine Vermutungen bestärkt, die in eine zum Teil ganz andere Richtung als der oben beschriebenen gingen: Man darf die Volksmusik nicht den rechten Recken überlassen. Und man darf sich die Heimat, die Tradition und die Herkunft nicht madig reden lassen. Vielmehr noch: Eine Einmischung ist notwendig. Es geht um ein bewusstes „mitschreiben“ daran, was Heimat ist und was wir uns darunter vorstellen. Es geht um alles. Es geht darum, wie und in welchem Umfeld wir leben wollen.

„Echte Volksmusik“ aus dem Stubaital: Ja dürfen´s denn des?

Dazu müssen wir die Tradition nicht blindlings übernehmen, wir können uns aber in diesen „Überlieferungsstrang“ einreihen und unsere eigene Rolle in dieser Tradition finden. Wir sind aber auch, als reflektierte mehr oder weniger gebildete Menschen, in der Lage, die Tradition mitzugestalten, vielleicht sogar neu zu schreiben. Wir müssen nicht akzeptieren, was ist. Wir können damit auch frei und kreativ umgehen und unseren eigenen Zugang zu dieser Tradition finden.

Alma kannte ich zu diesem Zeitpunkt schon. Auch das Bläser-Septett „Federspiel“, das mit dem Begriff „Volksmusik“ sehr frei umging. Der Kommentar von Sonja Steusloff-Margreiter, der Kontrabassistin der Stubaier Freitagsmusig, überraschte mich dann aber doch: „Wir spielen mit voller Überzeugung und Leidenschaft ´Echte Volksmusik´ im Freitagsmusigstil!“. So vermerkte sie mit einem Post-It auf der CD, die sie mir zukommen ließ. Das brachte mich zum Grübeln.

Lieben offenbar was sie tun und tun es aufrichtig: Die Stubaier Freitagsmusig

Lieben offenbar was sie tun und tun es aufrichtig: Die Stubaier Freitagsmusig

Vor allem die Bemerkung, dass sie es mit voller Überzeugung tun, interessierte mich. Ja, ging das denn wieder? Ganz einfach so zu sagen, dass man mit Leidenschaft „Echte Volksmusik“ spielte? Musste man sich nicht zuvor noch wochenlang Gedanken über das Image dieser Musikrichtung machen und sich seinen ganz eigenen Weg bahnen? Durfte man sich einfach so in die Tradition der „Echten Volksmusik“ einreihen? Die Antwort darauf fällt für mich einfach aus: Ja, man darf. Und ja, sie dürfen. Sie tun es einfach und nehmen sich diese Freiheit heraus. Und sie sind sogar noch verdammt gut dabei. Sowohl auf musikalischer als auch auf spielerischer und interpretatorischer Ebene.

Beliebigkeit vs. Aufrichtigkeit: So wird´s im Stubaital gemacht

Was mich daran interessiert ist vor allem auch, dass es eine neue Lässigkeit im Umgang mit der Tradition zu geben scheint. Auch Tracht darf wieder getragen werden. Ganz ohne dass man sich damit bereits automatisch und a priori politisch positioniert. Es gibt wieder Lust auf Heimat, auf Tradition und auf Herkunft. Und damit auch an der „Echten Volksmusik“. Ist das eine Spätfolge der viel beschworenen postmodernen Beliebigkeit?

Sprich: Alles geht, alles ist gleichwertig und letztlich hat nichts einen tieferen Sinn, sondern ist nur Oberfläche und Material, das man sich zu Nutze machen kann? Nein, wohl eher nicht, denn damit geht nur allzu oft und fast notwendigerweise Ironie einher. Ich kann wieder „Echte Volksmusik“ spielen, wenn ich mich auf ironische Weise dazu positioniere. Bloß kein Bekenntnis ablegen oder gar formulieren, dass man es mit Leidenschaft und ganzem Herzen tut und es absolut ernst meint.

Keine Frage: Die „Stubaier Freitagsmusig“ meint es ernst. Ironische Brechungen sind ihre Sache nicht. Vielmehr schon die Konzentration auf eine musikalisch erstklassige Auslegung der „Echten Volksmusik“. Mit Herzblut vorgetragen. Mit einer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit, die nichts von einer a priori Übernahme der Tradition spüren lässt. Dumpfheit entsteht nur, wenn man sich blind und ohne bewusste Entscheidung in eine musikalische Tradition einreiht und die anderen musikalischen Möglichkeiten gar nicht kennt.

Eine bewusste Entscheidung und Bekenntnis zu einer Musikform, die man liebt und die einem liegt bringt bei der „Stubaier Freitagsmusig“ hingegen erstaunliche, höchst musikalische und originelle Ergebnisse hervor, die dennoch nicht mit der Tradition brechen, sondern mit dieser auf lustvolle, kreative Weise spielen. Ohne ironische Distanz. Echt, handgemacht, auf den Punkt gebracht.

Ich muss der „Stubaier Freitagsmusig“ somit tatsächlich recht geben: Diese Musik ist zu schön und versprüht zu viel Lebensfreude, um sie den heimattümelnden Traditionalisten zu überlassen. Es ist also möglich diese Musik zu spielen. Man muss es nur mit genug Leidenschaft und Reflexion tun. Dann stimmen auch die musikalischen Ergebnisse.