Wohnst Du noch oder zerstörst Du schon?

Wohnst Du noch oder zerstörst Du schon?
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„Handwerk hat goldenen Boden.“ Das war einmal. In den Sturmfluten der Globalisierung versinken die kleinen Handwerksbetriebe nur allzuoft mit Ross und Wagen. Wenn ich aufmerksam die Zeitung lese dann ist’s ja auch kein Wunder, dass jetzt schon das Brot aus China stammt. Was wir aber ganz genau wissen: Die unter sklavenartigen Bedingungen hergestellten Wegwerf-Textilien sind aus Bangladesh und sattsam bekannte Billig-Möbel werden immer öfter aus illegal geschlägertem Holz irgendwo in Asien zusammen gezimmert.

Mit der zu Sklaventreiberei und illegalem Holzeinschlag nötigen kriminellen Energie sind unsere kleinen Handwerksbetriebe – meist sind es Familienunternehmen – nun ganz sicher nicht ausgestattet. Also eh schon alles verloren? Handwerk – keinen  Boden mehr unter den Füßen? Vom einstigen goldenen Boden keine Rede mehr? Man kann’s gottseidank nicht verallgemeinern. Denn es gibt Initiativen, die sich diesem Trend vehement entgegenstemmen. Ansonsten müsste ich tatsächlich verzweifeln.

Am Beispiel der Bäcker. Anfang dieses Jahres verkündete der Diskonter Hofer, 100 Mio. € in sogenannte Backstationen in den 450 Filialen investieren zu wollen, um ,frisches Brot und Gebäck‘ anbieten zu können. Wobei sich frisch wohl nur auf den Backvorgang im engeren Sinn beziehen dürfte. Alles andere ist backtechnisch ,uralt‘. Der Teig (im Neusprech liebevoll ,Teigling‘ genannt) stammt meist aus Polen, immer öfters auch aus China (!). Tiefgefroren geliefert und in Wulkaprodersdorf, Wörgl oder Wilgartswiesen von mies bezahltem Personal frisch ,aufgebacken‘. Mit synthetischen Duftstoffen versehen riecht die Pampe dann auch tatsächlich nach Brot. Von ihren Nasen verführt zücken Konsument_innen verzückt ihre Geldtaschen. Mahlzeit. Die Folgen für das Bäckerhandwerk sind indes verheerend: Von 2005 bis 2009 gaben 339 Bäckereien in Österreich auf, das sind mehr als 18 % der Unternehmen. In Wien gab es vor 20 Jahren noch 700 Bäckereien, heute sind es noch 110. Eine Zahl, die mit Sicherheit noch weiter sinken wird. Von der Qualität des Brotes soll hier erst gar nicht mehr die Rede sein.

Die Urwaldriesen der Regewälder werden zu Spanplatten für Billigmöbel verarbeitet.

Die Urwaldriesen der Regewälder werden meist zu Spanplatten für Billigmöbel verarbeitet.

Und beim Möbelhandel? Da geht‘s noch einige Grade brutaler zu, der Wahnsinn wird hier zur globalen Methode. Die Folgen kriminellen Handelns und unfassbarer Profitgier beeinflussen sogar das Weltklima. Gerade eben schlägt Greenpeace Alarm: Illegal gerodetes Amazonasholz aus Brasilien wird mit gefälschten Papieren weltweit importiert und verkauft – auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie wir uns das immer schon gedacht hatten, möchte ich gerne sagen. Aber dass allein im brasilianischen Bundesstaat Pará 78 % des Holzes aus illegalen Rodungen in einer der letzten noch intakten ‚Lungen‘ des Planeten stammt, sollte zumindest unseren Behörden eine Warnung sein. Ist es aber ganz offensichtlich nicht. Weshalb? Das ist eine gute Frage, der gegebenenfalls die Korruptionsstaatsanwaltschaft nachgehen müsste.

Denn: Genau diese Sache ja schon länger aktenkundig. Vor einigen Jahren hat ein ehemaliger IKEA-Spitzenmanager schwerste Vorwürfe gegen den IKEA-Gründer Ingvar Kamprad erhoben.

In Spanplatten lassen sich Urwaldhölzer trefflich 'verstecken'

In Spanplatten lassen sich Urwaldhölzer trefflich ‚verstecken‘

Rund ein Drittel des IKEA-Holzes sei illegal geschlagen worden, behauptete er. Kamprad sei ein Meister der Täuschung, denn gleichzeitig mit öffentlichkeitwirksamen Kampagnen mit Umweltorganisationen seien für IKEA Urwälder abgeholzt worden. Den legendären IKEA-Werbespruch „Wohnst Du noch oder lebst du schon“ musste offensichtlich schon damals ergänzt werden: Lebst du schon mit Regenwaldmöbeln? Ich glaube jedenfalls der IKEA-Werbung kein Wort mehr, solange IKEA die Holz-Bezugsquellen nicht im Detail offen legt. Oder haben die dreisten Schweden etwa Muffensausen? Wenn ja: warum?

Das Holzlager eines kleinen Handwerksbetriebes in Tirol

Im Gegensatz dazu: Das Holzlager eines kleinen Handwerksbetriebes in Tirol

Aber noch ist Polen nicht verloren. Kürzlich habe ich einige Bekannte gefragt, was sie mit der altehrwürdigen Bezeichnung „Handwerker“ heute noch anfangen können. Die Antworten waren einigermaßen überraschend. Ursprünglich hatte ich angenommen, das Wort Handwerk würde heute keinen Hund mehr hinter‘m Ofen hervorlocken. Weit gefehlt, wie ich überrascht resümieren darf. Mit dem Wort Handwerk werden offenbar vor allem Eigenschaften wie solid, genau, ehrlich und schön assoziiert. Auch die berühmte „Handschlagqualität“ taucht immer wieder auf, wenn von Handwerk die Rede ist.

Ich behaupte: Die Bereitschaft, ehrliche Produkte zu kaufen, deren Holz unter Garantie NICHT aus illegalem Einschlag und damit meist aus Regenwäldern stammt, ist vorhanden. Eigentlich muss nur eine Grundregel beim Kauf berücksichtigt werden: Keine Möbel aus Pressspanplatten. Sie sind nicht nur ungesund weil mit Chemie verleimt. In den Spanplatten kann Regenwaldholz relativ einfach ,versteckt‘ werden.

Der Trend zu den etwas teureren, dafür aber ‚ehrlichen‘ Produkten aus heimischer Erzeugung hat sicher noch nicht alle Bevölkerungsschichten erfasst. Aber die Bereitschaft, auf importierten Billigst-Plunder zu verzichten und auf österreichische oder zumindest europäische Qualität und Nachhaltigkeit zu setzen, steigt dennoch. Und ein Name ist mit diesem Umdenken eng verbunden: Heinrich ‚Heini‘ Staudinger.

In der breiten Masse wurde Heini als ‚Finanzrebell‘ bekannt. Hatte er doch seine Waldviertler Aktivitäten mit Darlehen von Privatpersonen finanziert, weil er die Arbeitsweise der Banken zutiefst ablehnt. Staudinger hat bereits vor 30 Jahren begonnen,  die alte Waldviertler Tradition der Schuh- und Möbelproduktion zu erhalten. Mit Erfolg, wie sich herausstellt. Seine ‚Waldviertler Schuhe‚ und die GEA-Möbel sind längst zum Inbegriff nachhaltiger, regionaler Produktion geworden. Etwas teurer, aber auf jeden Fall ehrlich hergestellte Qualität. Ohne Ausbeutung von Mensch, Tier oder Umwelt.

Und ‚4betterdays‘ ist eine Tiroler Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Möbel und Accessoires aus heimischen Rohstoffen im Alpenraum zu produzieren. Kürzlich hat man aber auch kleine Produzenten in Europa eingeladen, ihre Handwerksprodukte im Web-Shop von 4betterdays anzubieten. Auffallend auch hier: Die Rückbesinnung auf Qualität, Haltbarkeit und Handwerkskunst.

Ich höre schon die lebhaften Einwände vieler Leser_innen, nicht das nötige Kleingeld für solche Qualitätsprodukte aufbringen zu können. Aber – so entgegne ich immer – Billigst-Plunder muss immer wieder ersetzt werden. Ob Schuhe, Möbel, Elektrogeräte oder was auch immer.  Qualitätsprodukte halten hingegen über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Ich kann es offen zugeben: Ich hätte jedenfalls nicht das Geld, mir alle paar Jahre neue Möbel und jährlich neue Schuhe zu kaufen, weil die Billigprodukte in ihre Bestandteile zerfallen.

Also, Hand auf’s Herz: Wohnt ihr nur oder zerstört ihr schon?

  • Harald Gattermair

    Es ist sicher nichts Neues: Die Verarbeitungsqualität hat in den letzten sechzig Jahren erheblich gelitten. Ich selbst habe das (unverdiente) Glück, Möbel zu besitzen, die noch aus dem Biedermeier stammen. Aber sogar in den Fünfziger Jahren 20. Jhdt. haben meine Eltern Möbel gekauft, z.B. Sessel, die trotz langjähriger Belastung auch heute noch ihren Dienst versehen und keine Beschädigung aufweisen. (Heute kann man Gebrauchsmöbel nach zehn Jahren wegwerfen.) – Als das „Wirtschaftswunder“ kam und mit seiner maschinellen Massenfertigung allem Übel die Tür öffnete, kam es zu einer entsetzlichen Holzverschwendung. Ganze Schrankwände in Palisander galten als schick. In Wahrheit reichte diese Geschmacklosigkeit der mangelnden Verarbeitungsqualität die Hand. Bezeichnend ist ein Blick zurück: Ein Wahlonkel von mir bestellte in den Zwanziger Jahren beim Tischler Adlgasser (ich nenne den Namen, denn der verstand sein Handwerk) ein Ehebett und zwei Nachtkasteln. Letztere habe ich noch. Das sind keine quadratischen, zusammengeleimten Würfel aus Sperrholz, sondern furnierte Nussholzmöbel in Vollbauweise. Lade und Türe sind geschwungen. Wer macht so etwas heute noch? Und wenn ja, zu welchem Preis? – Fazit: Wir sehen selbst, wohin wir mit unserem Glauben an alles Käufliche gelangt sind. Wir meinten, die Welt kaufen zu können und sitzen jetzt auf einem Scherbenhaufen der Verwüstung.

  • Werner Kräutler

    Ein wahrhaft richtiger Satz Harald: „Wir meinten, die Welt kaufen zu können und sitzen jetzt auf einem Scherbenhaufen der Verwüstung.“ Eine neue Untersuchung von Holzprodukten hat übrigens weitere Gierhändler und -konzerne aufgedeckt, die Tropenholz-Produkte verkaufen: Bauhaus, Dänisches Bettenlager, Sconto, Jawoll, Möbel Braun und Rossmann. (Link: http://www.klimaschutz-netz.de/index.php/erde-und-mensch/963-regenwald-im-gartenstuhl)

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