Echter Sambaspeck aus der Wildschönau

Echter Sambaspeck aus der Wildschönau
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Bei einem typischen Biertischgespräch am Freitagabend kamen ein Freund und ich wieder auf unsere gemeinsame Leidenschaft – Reisen. Er meinte, er würde bald seine Verwandten in Brasilien besuchen. Meine Frage, ob er zum Teil Brasilianer wäre verneinte er aber. Seine Verwandten seien in Brasilien geboren, aber Nachfahren von Auswanderern. Das ist ja schon mal was, aber es kommt noch besser – sie wohnen in einem Tiroler Dorf. Ja, einem richtigen Tiroler Dorf mitten in Südamerika. Na darauf erstmal einen Caipirinha trinken.

Man erkennt den Tiroler Stil - hier das Rathaus von Dreizehnlinden

Man erkennt den Tiroler Stil – hier das Rathaus von Dreizehnlinden

Haben Sie schon mal von Dreizehnlinden gehört? Nein? Eine ziemlich coole Geschichte. In der Zwischenkriegszeit sind zahlreiche Tiroler, unter der Führung des aus der Wildschönau stammenden und ehemaligen Landwirtschaftsminister Andreas Thaler nach Südamerika ausgewandert, um dort eine Siedlung zu gründen. Aber sie waren nicht die ersten. Bereits 1865 brachen einige Tiroler auf, um in Brasilien eine neue Heimat zu finden. Die Brasilianer staunten sicher nicht schlecht, als immer mehr jodelnde und Lederhosen tragende Einwanderer sich im Urwald breit machten.

1933 gründete Andreas Thaler dann die Gemeinde „Dreizehnlinden“ oder „Treze Tílias“, wie es im Portugiesischen heißt. Trotz aller Hindernisse, sei es durch versuchte Übernahme der Nationalsozialisten, dem Gegendruck Brasiliens, welches im zweiten Weltkrieg den Allierten angehörte oder einfach durch die Sprachbarrieren, Dreizehnlinden geht es heute besser als je zuvor. Nicht zuletzt dank der Molkerei, die übrigens die zweitgrößte des Landes ist. Und natürlich, ganz nach Wildschönauer Manier, wegen dem Tourismus. Ganze 100.000 Besucher zählt das Tiroler Dorf jährlich.

Tradition wird hier groß geschrieben - alljährliches Tiroler Fest in Dreizehnlinden

Tradition wird hier groß geschrieben – alljährliches Tiroler Fest in Dreizehnlinden

Beeindruckend ist, dass die Tiroler Kultur fast gänzlich erhalten geblieben ist. Vielleicht sogar mehr als zuhause. So kann man Dreizehnlinden fast gar nicht besuchen, ohne ein Schuhplattler Konzert zu sehen. Auch kulinarisch hat sich weniger geändert, als man glauben würde. Speckknödel und Krapfen sind immer noch der Hit. Manche Speisen der Tiroler Küche wurden mit der Brasilianischen kombiniert, eine Art internationaler Mix also. Wie wär’s mit Pirarucu, gekocht in Paranussmilch und garniert mit echtem Nordtiroler Handl Speck? Ein Südtiroler Senfter wäre bei einem
Wildschönau-Brasilien Mix schließlich fehl am Platz, oder?

Ironischerweise ist einzig und allein die Sprache auf der Strecke geblieben, so sprechen (leider) nur mehr 30% der jungen Dreizehnlindner österreichischen beziehungsweise Tiroler Dialekt. Ein wenig schmunzeln muss ich bei dem Gedanken, beziehungsweise bei der Frage, wie gut wohl ein echter Dreizehnlindner Fußball spielen kann. Ob wir vielleicht mal einen „Österreicher“ in der Brasilianischen Nationalelf sehen werden? Damit hätte ein Österreicher endlich wieder eine Chance in der WM.

Ein Tiroler Dorf mitten im Urwald – gefällt mir.
Besuchen werde ich Dreizehnlinden mit Sicherheit. Schließlich drängt mir die Frage auf, wo es sich denn nun besser lebt. In der exotischen Wildschönau in Brasilien, oder doch zuhause, in den Alpen?